Humbug in der Süddeutschen Zeitung? Saakaschwili soll in Sowjetzeit Justizminister, Juschtschenko Premierminister gewesen sein?
10. April 2009. München. Wenn die Moskau-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in ihrem Artikel einen der von Moskau etwas weiter entlegenen Staaten wie die Ukraine, Georgien und Kirgisien ansprechen will, ist ein Problem vorprogrammiert! Hat doch Sonja Zekri bereits Anfang dieses Jahres aus einer zweistündigen Pressekonferenz mit dem russischen Premier Putin über das Gasproblem nichts Sachliches berichten können. Trotz der nächsten Nähe zum Interviewpartner berichtete sie über Putins Gemütszustand, den sie ja unmittelbar mitbekam. Jetzt nahm sie sich aber Schwierigeres vor, nämlich die Gründe für das Scheitern der “Revolutionen” in der Ukraine, Georgien und Kirgisien. Dem deutschen Publikum sind diese unter den Namen wie “Orangene Revolution”, “Rosenrevolution” und “Tulpenrevolution” bekannt.
Den einen Grund für das Scheitern der Revolutionsvorhaben der Politiker wie Juschtschenko, Saakaschwili und Bakiew bringt Zekri ohne tiefgehenderes Analysieren schon in der ersten Zeile im Teaser: “In Russlands Nachbarschaft hat die Demokratie nur geringe Chancen, der Idealismus verpufft”. Am Ende ihres Schriftstücks rundet sie ihren geraden Gedankengang noch ab und zwar mit der folgenden Passage:
“Jede der bunten Revolutionen ist auf ihre Weise gescheitert. Aber allen gemeinsam ist, dass dies eben gar keine Revolutionen waren. Es wurde kein System gewechselt, sondern nur das Personal. Alle Protagonisten hatten hohe und höchste Ämter inne, einige Karrieren reichen noch bis in die Sowjetzeit. Saakaschwili war Justizminister, Juschtschenko und Bakijew Premierminister.”
Die von mir fett hervorgehobenen Zeilen deuten auf einige schwerwiegende Probleme hin, die die Moskau-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung zu beklagen hat. Entweder hat sie über das Alter von Saakaschwili keine Informatioen beschaffen können oder Frau Zekri kann nicht die Grundrechenarten. Denn die hohe Kunst des Subtrahierens legt nahe, dass der heutige georgische Präsident (42) im letzen Jahr der “Sowjetzeit” (vor knapp 19 Jahren) 23 Jahre alt war. In diesem Alter hätte einer wie Saakaschwili zwar einen Hochschulabschluß in der Tasche haben können aber noch lange nicht einen Ministerposten. Bekanntlich wurden in der Sowjetunion Ministerposten an etwas ältere Herrschaften verteilt.
Zur Info, für Frau Zekri und diejenigen, die nicht recherchiert haben: Zum Justizminister wurde Saakaschwili erst nach seinem Praktikum in den USA unter Schewarnadze als Präsidenten des unabhängigen Georgiens. Noch könnte ich der Moskau-Korrespondentin ankreiden, dass sie nicht gewusst hat, dass Jutschtschenko - beim genauen Durchlesen seiner Biografie - erst in der unabhängigen Ukraine zum Premierminister wurde und nicht schon zur Sowjetzeit.
Allerdings dürfe ich so strenge Kritik an der oben angeführten Passage nicht üben. Schließlich steht in der geschickt gestrickten Passage auch nicht wortwörtlich, dass die Herren zur Sowjetzeit Minister waren. Das wird nur suggeriert: “Alle Protagonisten hatten hohe und höchste Ämter inne, einige Karrieren reichen noch bis in die Sowjetzeit. Saakaschwili war Justizminister, Juschtschenko und Bakijew Premierminister.”
Und schon stimmt das Klische, dass die Probleme der guten Präsidenten von Georgien und der Ukraine den Altlasten der Sowjetzeit entstammen und nicht etwa der Unfähigkeit derselben. Ausserdem passt dies so schön zu der einleitenden Vorabverurteilung Russlands an allem Übel im osteuropäischen Raum: “In Russlands Nachbarschaft hat die Demokratie nur geringe Chancen, der Idealismus verpufft”, was Sonjas Zekris unerschütterlicher Glaube zu sein scheint.
